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Trotz der Reformpläne von Finanzminister Hans Eichel bleibt Deutschland ein Hoch- Steuerland. Ökonom Manfred Rose legt im Stern seinen Plan für einfache, niedrige und gerechte Steuern vor.

ERSCHIENEN IM STERN 9/2000, 24.02.2000, SEITE 228 F.


Wie die Einfachsteuer Sparer belohnt ...
Steuerreform 2000: Was Eichel plant ...

Papa macht die Steuererklärung. Da darf er nicht gestört werden. Die Belege sind über den ganzen Wohnzimmerteppich verteilt. Und wenn einer auf der Suche nach der Fernsehzeitschrift die Häuflein durcheinander wirbelt, gibt es Ärger. Für die Familie herrscht Ausnahmezustand. Dieses Wochenende ist im Eimer. Ein Wochenende? Nein, 30 Millionen Wochenenden. Denn so viele Steuererklärungen liefern die Deutschen jedes Jahr bei den Finanzämtern ab. Ein Drittel lässt sich dabei von Steuerberatern und Lohnsteuerhilfevereinen unterstützen, der Rest plagt sich ohne professionellen Rat mit dem grün-grauen Mantelbogen, der Anlage N oder KSO. Setzt man für jede Steuererklärung nur 500 Mark als Gegenwert für Ärger, Mühen und Aufwand, dann kostet der Papierkrieg Jahr für Jahr 15 Milliarden Mark. Das entspricht fünf Prozent der gesamten Lohnsteuereinnahmen. Wirklich eine außergewöhnliche Belastung und eigentlich überhaupt nicht zumutbar.
Den obersten Chef aller Finanzbeamten kümmert das wenig. Hans Eichel hat "ehrlich gesagt," zwar noch nie seine Steuererklärung selbst gemacht ("Dafür gibt es Steuerberater"). Trotzdem meint der Sozialdemokrat: "Es soll aber so schwierig nicht sein." Kein Wunder, dass Eichels große "Steuerreform 2000" das System weder durchsichtiger noch einfacher macht. Zwar sollen die Steuersätze für Bürger und Unternehmen sinken, aber mit den Paragrafen müssen sie sich weiter plagen. Warum einfach, wenn's auch kompliziert geht?
Das geplante Gesetz sei "leider ein Beschäftigungsprogramm für Steuerberater", wettert Jürgen Pinne, der Präsident des deutschen Steuerberaterverbandes. Und der Chef der Steuergewerkschaft, Dieter Ondracek, sieht auf die 130 000 Finanzbeamten "wieder mehr Arbeit" zukommen. Schon heute sind die Finanzbehörden überfordert. Fast jeder vierte Steuerbescheid ist falsch, fand die Stiftung Warentest heraus und höhnte: "Irren ist amtlich."
Das alles müsste nicht sein. Und Manfred Rose will sich damit auch nicht abfinden. "Nur einfache Steuern sind gerechte Steuern", sagt der Wirtschaftsprofessor. Von einer Heidelberger Jugendstilvilla aus will der 61-Jährige den Kampf gegen das Steuerchaos aufnehmen. Während im Erdgeschoss der ehemalige Verfassungsrichter Paul Kirchhof an einem einheitlichen "Bundessteuergesetzbuch" arbeitet, wird Ökonom Rose im ersten Stock zusammen mit einem jungen Team von Assistenten und renommierten Forscherkollegen eine "Einfachsteuer für Deutschland" entwerfen - nichts weniger als ein komplett neues Steuergesetz. Von A bis Z. Einfach, für jeden Laien nachvollziehbar und gerecht. Mit einem simplen Stufentarif von 20, 30 und 40 Prozent. Gälte das System schon, könnte jeder Arbeitnehmer seine Steuererklärung selber machen - ohne teure, fachliche Hilfe. Und als Clou hilft Roses Steuermodell langfristig auch beim Abbau der Arbeitslosigkeit und entschärft die heraufziehende Rentenkrise.
Ist der Mann, der mit seinen bunten Krawatten so gar nicht dem Bild des ehrwürdigen Professors entspricht, größenwahnsinnig? "Nee", sagt der gebürtige Berliner, "dit is keene Theorie." Tatsächlich hat der Finanzwissenschaftler sein System von Einfachsteuern schon realisiert - Mitte der 90er Jahre in Kroatien. Den Tauglichkeitstest hat es dort bestanden. Zwar ist die Wirtschaft des ehemals sozialistischen Landes noch nicht aus dem Gröbsten heraus, doch zumindest die Steuereinnahmen sprudeln.
Häufig hat Rose deutschen Politikern von seinen Erfolgen berichtet. Die Reaktionen waren immer gleich. "Das kann man in Kroatien machen", nölt der SPD-Finanzpolitiker Joachim Poß. Und der künftige Unions-Fraktionschef Friedrich Merz zweifelt: "Ich glaube nicht, dass wir das kroatische Modell übertragen können."

DAS WILL RADIKALREFORMER Rose nicht auf sich sitzen lassen: "Steuerrechtstechnisch ist das machbar." Unterstützt wird er darin von einem der angesehensten Steuerjuristen Deutschlands - dem Kölner Professor Joachim Lang: "Die Gesetze sind inzwischen so aufgebläht, dass wir mittlerweile mit zehn Prozent des Textes auskommen würden. Das macht den Charme unseres Modells aus."
Überall gilt: Weniger ist mehr. Vor allem mehr netto für alle. Im Einfach-System werden sämtliche Einkommen ohne jede Ausnahme gleich besteuert, dafür nur einmal. Wer zum Beispiel aus versteuertem Einkommen spart, bleibt für die Zukunft ungeschoren und darf seine Zinsen unbehelligt vom Fiskus kassieren. "Man muss die Kalenderjahrbrille abnehmen", fordert Rose, "wir müssen die ganze Lebenszeit berücksichtigen."

Mit dem Taschenrechner kann der Professor fix beweisen, wie eine "läppische Zinssteuer" von 30 Prozent nach 40 Jahren des Sparens zu einer Belastung der Zinsen von 59,9 Prozent führt (siehe Tabelle S. 229). "Was hat das mit Gerechtigkeit zu tun?", fragt Rose - und bekommt dafür sogar in SPD-Ortsvereinen Beifall. "Außer Politikern und Wissenschaftlern habe ich noch keinen getroffen, der die Besteuerung von Zinsen richtig findet", sagt der Reformer.
Andererseits müssten nach Roses Vorstellung alle, die heute ihre Beiträge für eine Lebensversicherung von der Steuer abziehen, bei der Auszahlung des Geldes ihren Obolus an den Staat abliefern. Für das Einfachsteuer-Team sollen der Freiburger Wirtschaftsprofessor Bernd Raffelhüschen und der Potsdamer Rentenexperte Hans-Georg Petersen einen Vorschlag zur Reform der Altersvorsorge entwickeln. "Wir brauchen ein Steuer- und Rentensystem aus einem Guss, das die Jungen entlastet", gibt Raffelhüschen die Richtung vor.
Für den hochkarätigen "Heidelberger Kreis" um Rose ist klar: Um die Arbeitslosen von heute in Lohn und Brot zu bringen und die Renten von morgen bezahlen zu können, benötigt Deutschland einen größeren Kapitalstock. Deshalb darf das Sparen nicht länger bestraft - und das Investieren muss attraktiver gemacht werden. Um zu zeigen, wie das heutige Steuersystem Investitionen verhindert, braucht Rechner Rose wieder nur den Taschenkalkulator. Sein Beispiel: Ein Jungunternehmer gründet mit 25 Jahren eine kleine GmbH. Im ersten Jahr macht er einen Gewinn von 10 000 Mark, den er im Betrieb stehen lässt. Das Kapital bringt jedes Jahr eine Rendite von fünf Prozent. Im Alter von 65 möchte der Unternehmer seine Firma verkaufen, um aus dem Erlös seinen Ruhestand mitzufinanzieren. Ohne jede Steuerbelastung wäre der ursprüngliche Betrag auf über 70 000 Mark angewachsen.

SOWEIT DIE SCHÖNE THEORIE. Nach dem Willen von Finanzminister Eichel sollen Kapitalgesellschaften künftig auf ihre Gewinne 25 Prozent Körperschaftsteuer zahlen. Zusammen mit der Gewerbesteuer und dem Solidarzuschlag kassiert der Fiskus so 40 Prozent der Erträge ab. Der Jungunternehmer kann also nur 6000 Mark in seinem Betrieb anlegen. Und weil die Steuer Jahr für Jahr an den Gewinnen knabbert, sind nach 40 Jahren nur 19 600 Mark angewachsen. Wenn der 65-Jährige die Firma verkauft, muss er nach den rot-grünen Steuerreformplänen zudem die Hälfte des Erlöses versteuern und bis zu 4650 Mark beim Staat abliefern. Aus dem Gewinn von 10 000 Mark sind in 40 Jahren also gerade mal knapp 15 000 Mark geworden.
Die Folge ist für Rose sonnenklar: Unternehmer packen nur Projekte an, die riesige Renditen versprechen - mindestens 15 Prozent. "Alle Investitionen, die darunter liegen, fallen flach - und damit auch all die Arbeitsplätze, die so geschaffen werden könnten." Der Ausweg des Steuerstrategen: Die normale Verzinsung des Eigenkapitals bleibt steuerfrei. Zwar muss der Jungunternehmer im ersten Jahr von den 10 000 Mark Gewinn ebenfalls 40 Prozent beim Staat abliefern. Doch die angelegten 6000 Mark können sich bei einem "Schutzzins" von fünf Prozent bis auf über 42 000 Mark vermehren. Weil der Gewinn schon am Anfang steuerlich belastet wurde, fällt beim Verkauf der Firma auch keine weitere Steuer an. Während nach Eichels Pänen der "wahre Steuersatz" 79 Prozent beträgt, sind es bei Rose zu jedem Zeitpunkt nur 40 Prozent. Willkommener Nebeneffekt: Für Investoren lohnen sich auch Projekte mit geringer Rendite. Das schafft neue Jobs. Und in einer boomenden Wirtschaft hätten am Ende alle netto mehr.
Anders als bei der Eichel-Reform müssen die Steuersätze für Unternehmen und Privatpersonen auch nicht gespreizt werden (siehe Kasten). Der Spitzensteuersatz und der Gewinnsteuersatz von 40 Prozent wären genau gleich. Trotzdem würden die Unternehmen entlastet, weil die Mindestverzinsung des Eigenkapitals steuerfrei bliebe. Bewertungs- und Abschreibungsfragen würden bei der Steuererklärung keine Rolle mehr spielen. "Das ist eine unglaubliche Vereinfachung", sagt Rose, "die ganze Literatur darüber können wir einstampfen."
Auch für Otto Normalsteuerzahler wären die Aussichten rosig. Wenn Arbeitgeber die Daten zur Lohnsteuer und Banken die Angaben über die Altersvorsorge per Datenleitung ans Finanzamt übermitteln, bekommt der Steuerbürger seinen Bescheid zugeschickt. "Per Postkarte", jubelt Steuerrechtler Joachim Lang, könnten die Daten dann korrigiert oder bestätigt werden. Zudem winkt dann ein freies Wochenende. Die Familienharmonie wäre wiederhergestellt. Auch ein Argument für Politiker, eine Einfachsteuer anzupacken. Denn es gilt 30 Millionen Mal. Reformer Rose ist zuversichtlich: "In zwei Jahren laden wir Finanzminister Eichel und Arbeitsminister Riester ein, dann müssen die beiden nur noch zuschlagen."

Lorenz Wolf-Doettinchem
Fotos: BjÖRN LUX und FRANK WACHE

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